Naturalismus (zwischen 1880–1900)

Grundideen des Naturalismus

  • Ziel: Die Literatur soll die Wirklichkeit möglichst exakt abbilden (Arno Holz: „Kunst = Natur-x“)
  • Philosophie: Alle Menschen sind durch die Faktoren Vererbung, Milieu und Erziehung in ihrem Verhalten determiniert
  • Motivation: Protest gegen soziale Missstände und den deutschen Obrigkeitsstaat

Durch diese Grundgedanken entstehen im Naturalismus Texte, die das Elend, die Armut und Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung so realistisch wie möglich beschreiben.

Naturalismus und Realismus

Der Naturalismus entwickelte sich aus dem Realismus. Während der Realismus, dessen Ziel es nicht war Kritik an der Gesellschaft zu üben, allerdings mehr die bürgerlichen Schichten ansprach und somit das Elend der Unterschicht oft kaschierte, versuchte der Naturalismus die Probleme der Arbeiter und Armen in ihrer ganzen Härte zu zeigen. Der Naturalismus hat daher grundsätzlich eine eher pessimistische Haltung.

Literarische Feinde und Vorbilder

Literarische „Feinde“ sahen die Naturalisten vor allem in französische Komödiendichter (Scribe, Dumas) und deren trivialen Zeitgeschmack, sowie in klassischen und romantischen Zeitgenossen. Vorbilder sahen sie im Sturm und Drang und in Dichtern wie Heine und Büchner.

Formen

Die Ideen des Naturalismus wurden vor allem über Zeitungen wie „Die Gesellschaft“ verbreitet. Das Drama war die wichtigste literarische Form, doch auch Lyrik und Prosa wurden gerne verwendet.

Prosa

Thema der Prosaformen waren u.a. Auseinandersetzungen mit der Beziehung zwischen Dichter und Proletariat, Großstadt und Industrialisierung.

Eine vollkommen neue Erzähltechnik, die erstmals von den Naturalisten verwendet wurde, ist der Sekundenstil. Mit Hilfe dieser Technik wurde Sekunde für Sekunde Raum und Zeit geschildert, mit dem Ziel einer umfassenden Wiederspiegelung der Realität.

Lyrik

Die Naturalisten waren die ersten, die die Problematik sozialer Fragen wie die Großstadtproblematik lyrisch erfassten. Die Probleme der urbanen Lebensweise, vor allem die Überflutung mit verschiedensten Reizen, waren nun Themen, die auch über die Epoche des Naturalismus hinaus die Schriftsteller des Expressionismus beschäftigten. Dabei wird die Großstadt meist als Ort des Elends und Schmutzes wahrgenommen, ein Ort, an dem alle Aspekte der ursprünglichen Natur verloren gegangen sind.

Drama

Das Drama entwickelte sich zur Zeit des Naturalismus zur wichtigsten literarischen Form. Prinzipiell wurden dieselben Techniken eingesetzt, die auch bei naturalistischer Prosa eingesetzt wurden: Milieuschilderung, Dialekt, Jargon, und Sekundenstil.
Das Drama im Naturalismus wurde von vielen Seiten zur damaligen Zeit kritisiert. Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“, z.B., sah man als Vermischung von Epik und Dramatik an. Im Drama des Naturalismus ist die Einheit von Ort, Handlung und Zeit der einzelnen Akte eingehalten. Sie soll die Authentizität des Dargestellten verwirklichen. Die meisten Bühnenstücke haben einen offenen Anfang und offenen Ausgang.

Die Zurücknahme des Dramatischen zu Gunsten epischer Elemente, die Reduzierung der Handlung, die Konzentration auf bestimmte Objekte wurden als notwendig erachtet, um das Soziale darzustellen. Dies war der Ausgangspunkt für die Entwicklung des epischen Theaters für Brecht.

Wichtige Vertreter und einige Ihrer Werke

  • Gerhart Hauptmann (1862–1946): „Bahnwärter Thiel“, „Vor Sonnenaufgang“
  • Arno Holz (1863–1929): „Familie Selicke“, „Großstadtmorgen“
  • Henrik Ibsen (1828–1906): „Gespenster“, „Die Wildente“
  • Émile Zola (1840–1902): „Der Zusammenbruch“, „Der Totschläger“

Zusammenfassung

Die Naturalisten protestierten gegen soziale Missstände, gegen den deutschen Obrigkeitsstaat, waren aber prinzipiell von pessimistischer Grundhaltung, zeigten keine Lösung, vermittelten keine Hoffnung. Sie verstanden sich trotz aller Nähe zu sozialen Themen, trotz aller Sympathie für die Sozialdemokratie nicht als politische Bewegung mit Programm, konkreten Zielen und mit Strategien. Der Naturalismus war in erster Linie eine bürgerlich-intellektuelle, vorwiegend literarische Protestbewegung. Trotzdem ist dem Naturalismus eine Modernisierung und Internationalisierung der deutschen Literatur zu verdanken, ohne die etwa die späteren Leistungen der Brüder Mann wie auch anderer Erzähler des 20. Jahrhunderts undenkbar wären.

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