Die Neue Sachlichkeit

„Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres in der Welt gibt es, als die Zeit in der man lebt.“ (Vorwort aus: Der rasende Reporter von Egon Erwin Kisch)

Wohl kaum ein Zitat eignet sich besser als Leitspruch der Neuen Sachlichkeit, als dieses von Egon Erwin Kisch, der mit diesen Sätzen im Vorwort seines rasenden Reporters erklärte, warum er ganz im Stile der Neuen Sachlichkeit (circa von 1920 bis 1930) schrieb, die als eine der Strömungen der Weimarer Republik galt und das Gegenstück zum Expressionismus war.

Literarische Merkmale

Prosatexte der Neuen Sachlichkeit lassen sich anhand einiger Merkmale von denen anderer Strömungen abgrenzen, wobei es drei Hauptmerkmale gab, die in jedem Prosatext wiederzufinden waren: Antihistorismus, Antipsychologismus und soziale Typen. Die Autoren der Neuen Sachlichkeit benutzten eben diese Merkmale, um ihre Wirkungsabsicht, nämlich eine Gesellschaftsanalyse vorzulegen und die Realität abzubilden, zu erzielen.

Unter dem Antihistorismus verstanden die damaligen Autoren, einen aktualitätsbezogenen Text zu verfassen, der frei von historischen Erzählungen, Vertiefungen und Exkursionen war. Gerade dieser Punkt brachte die Autoren ein Stück näher an ihre Wirkungsabsicht heran, eine Gesellschaftsanalyse vorzulegen, denn wie wäre es möglich gewesen, die aktuell bestehende Gesellschaft zu analysieren, wenn der Erzähler von irgendwelchen vergangenen Kriegen berichtet?

Mit dem Antipsychologismus wollten sich die Autoren der Neuen Sachlichkeit von denen des Expressionismus abgrenzen, die besonderen Wert darauf legten, „Innerlichkeiten“  wie Gefühle und Gedanken darzustellen. Die Autoren der Neuen Sachlichkeit hingegen hielten dies für ein weniger effektive Methode, weil sie einfach der bestehenden Realität widersprach: kein Mensch konnte damals die Gefühle und Gedanken des ihm gegenüber lesen. Und aufgrund dieser Tatsache, entscheiden sich die Autoren der Neuen Sachlichkeit für den Antipsychologismus und stellten weder Gefühle noch Gedanken der Figuren in den Texten dar – Schlüsse auf Gefühle und Gedanken mussten aus den Handlungen erschlossen werden.

Weiterhin wollten die Autoren der Neuen Sachlichkeit keine Individuen in den Mittelpunkt ihrer Texte setzen, sondern soziale Typen darstellen. Es ging ihnen, und das muss man im Zusammenhang mit ihrer Wirkungsabsicht betrachten, darum, die sozialen Missstände und Realitäten aufzuzeigen. Als Mittel zum Zweck wählten sich natürlich einzelne Individuen aus, jedoch solche, die eindeutig einer Schicht, meistens der unteren, zuzuordnen war.

Darüber hinaus gab es natürlich noch zahlreiche andere Merkmale: dem Leser ist keine Vorgeschichte bekannt und weiß nichts über den Werdegang, nach dem Ende des Textes; meistens waren es Angestelltenromane, die das miese Leben der Armen darstellen wollten; die Erzählweise war überwiegend journalistisch gestaltet (in Verbindung mit dem Antipsychologismus erklärbar).

„Kleiner Mann – was nun?“ – Hans Fallada und die Neue Sachlichkeit

Hans Fallada, der zu den Vertretern der Neuen Sachlichkeit zählte, erzählt in „Kleiner Mann – was nun?“ die Geschichte des Angestellten Buchhalters Johannes Pinneberg, der sich in die Verkäuferin Emma „Lämmchen“ Mörschel verliebte und diese heiratet, weil sie gemeinsam ein Kind erwarten. Die Weltwirtschaftskrise wütet und das auch in Deutschland, sodass Pinneberg entlassen wird und sich einen neuen Job suchen muss. Und als ob das noch nicht genügt, kriselt es in der Liebe und sie drohen, ohne Dach über dem Kopf dazustehen. Schließlich finden sie jedoch einen Weg zurück ins Leben und ihre alte Liebe.

Betrachtet man „Kleiner Mann – was nun?“ genauer, lassen sich viele Merkmale mit den oben beschriebenen Merkmalen der Neuen Sachlichkeit finden. Beginnend mit dem Antihistorismus und der Darstellung von sozialen Typen über den Antipsychologismus und die fehlende Vorgeschichte bis zum journalistischen Schreibstil. Darüber hinaus gelingt es Fallada, eine Gesellschaftsanalyse vorzulegen und über die Missstände in den einzelnen sozialen Schichten aufmerksam zu machen.

Ausnahme bildet jedoch das Ende des Romans. Beim Lesen der letzten vier bis fünf Seiten fällt auf, dass sich Fallada plötzlich und ohne jede Vorwarnung von dem Antipsychologismus abwendet und beginnt, von Gefühlen und Gedanken, Ängsten und Hoffnungen zu erzählen. Einige Literaturwissenschaftler werfen Fallada sogar vor, sich nicht nur dem Antipsychologismus abgewendet zu haben, sondern ebenfalls literarischen Kitsch produziert zu haben.

Über Philipp Schneider

Noch Schüler, ab dem nächsten Jahr hoffentlich Student der Philosophie || Veröffentlichungen hier vor allem in dern Rubriken Philosophie und Deutsch, aber auch Biologie und Sozialwissenschaften
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