Der Konjunkturzyklus

Der Konjunkturzyklus – in dieser Abbildung wird ein idealtypischer Verlauf gezeigt – besteht aus vier Phasen, die sich immer wieder wiederholen und die Wirtschaft charakterisieren.

Die Expansion, auch Aufschwung genannt, zeichnet sich durch eine Gesamtnachfrage der gesamtwirtschaftlichen Produktion aus und hat als Folge höhere Umsätze, Gewinne und Einkommen. Während dieser Phase werden besonders oft Investitionen vorgenommen, da das Geld vorhanden ist, und außerdem steigt – wenn auch mit zeitlicher Verzögerung – die Beschäftigungsrate.

Nach der Expansion folgt der Boom bzw. die Hochkonjunktur. In dieser Phase ist die Gesamtnachfrage weit höher als das Produktionspotenzial (maximale Produktionsmöglichkeit) und es kommt damit zu Engpässen von bestimmten Produkten und/oder Ressourcen. Unternehmen und Privatpersonen nehmen immer mehr Investitionen vor, die Zinssätze schnellen in die Höhe und die Löhne steigen.

Doch dann kommt es zur Abschwung (in der Abbildung als Rezession bezeichnet) genannt. In dieser Phase des Konjunkturzykluses nimmt die Gesamtnachfrage stark ab und auch das Bruttoinlandsprodukt sinkt. Dabei fallen Preise und Gewinne aus, wodurch die im Boom begonnenen Investitionen nicht mehr beendet werden können. Auch die Beschäftigung nimmt ab.

Dann erreicht der Konjunkturzyklus seinen Tiefpunkt, die Depression bzw. Rezession. In dieser Phase explodiert die Arbeitslosigkeit praktisch, womit die Einkommen sinken und die Konsumnachfrage stetig abnimmt. Die Preise für Güter steigen weniger stark an oder sinken. Dabei kann es zur Deflation kommen.

Veröffentlicht unter Wirtschaft & Recht | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Adam Smith und seine unsichtbare Hand

Adam Smith, mittlerweile sehr bekannt für seine Theorie der unsichtbaren Hand, war eigentlich Moralphilosoph und Aufklärer, gilt jedoch auch, dank seiner Theorie der unsichtbaren Hand, als Begründer der klassischen Nationalökonomie, die den Anfang der modernen Volkswirtschaftslehre bildet.

Der Klassiker, wie er häufig genannt wird, vertritt mit seiner unsichtbaren Hand den Standpunkt des klassischen Liberalismus, laut dem der Staat die Finger aus der Wirtschaft lassen muss, da diese sich von alleine lenke. Damit erwähnte er mit als erster den Gedanken, dass es eine Trennung zwischen Staat(swesen) und Wirtschaft(sgeschehen) geben muss.

Die Theorie – oder: wer die Einzelnen lenkt

Smith geht davon aus, dass der Einzelne „stets darauf bedacht [ist] herauszufinden, wo er sein Kapital […] so vorteilhaft wie nur irgend möglich einsetzen kann“[1] und äußert damit einen gewissen Egoismus des Menschen. Er glaubt, dass jeder Einzelne nach dem eigenen Vorteil strebt und dieses, so gut wie möglich, vergrößern will.

Von dieser These geht Smith aus und baut darauf seine Theorie der unsichtbaren Hand auf, denn er behauptet, dass der Einzelne dort das Kapital einsetzt, wo es ebenfalls dem ganzen Land nutzt, doch geschieht dieses nicht bewusst, sondern durch die unsichtbare Hand. Und darauf aufbauend, sagt er, dass durch diese unsichtbare Hand immer der bestmöglichste Weg eingeschlagen wird und der Staat sich deshalb nicht um die Wirtschaft kümmern muss.

Der Staat bei Smith

Wie oben schon erwähnt, soll sich der Staat laut Smith aus dem Wirtschaftsgeschehen raushalten und sich drei anderen Aufgaben widmen: Schutz der Bevölkerung vor Gewalt, das Justizwesen auszubauen und zu unterstützen und schließlich noch, „bestimmte öffentliche Anstalten und Einrichtungen“[2] zu gründen und zu fördern, womit beispielsweise Schulen gemeint sind. Dabei sagt er jedoch auch, dass die Unterstützungen so gewählt und gesetzt werden sollten, dass der größte Teil der Bevölkerung davon profitiert.

„Wenn sie unsichtbare Hand nicht funktioniert: Marktmacht und Marktversagen“[3]

In der Volkswirtschaftslehre gibt es zwei klassische Fälle für das Versagen von Smiths unsichtbarer Hand, nämlich auf der einen Seite das Marktversagen und auf der anderen Seite die Marktmacht. Beides hängt fest mit den zwei Gründen für eine Regierung, in die Marktwirtschaft einzugreifen, zusammen: die Effizienssteigerung und Förderung der Gerechtigkeit.

Wenn die unsichtbare Hand nach dem von Smith skizzierten Rahmen funktioniert, verteilt sich Ressourcen effizient und so, dass sowohl der Einzelne, wie auch die breite Masse einen Vorteil daraus ziehen kann. Als Marktversagen wird das Versagen der effizienten Ressourcenverteilung verstanden und ist ein Kriterium für den Eingriff des Staates ins Wirtschaftsgeschehen. (Hier ist noch einmal wichtig festzuhalten, dass das die moderne Interpretation der Volkswirtschaftslehre von Smiths Theorie ist!)

Bei der Markmacht handelt es sich um ein immer häufiger auftretendes Phänomen, laut dem die Fähigkeit, die Marktpreise übermäßig zu beeinflussen bei Einzelnen oder aber einer kleinen Gruppe liegt. Auch hier hat die unsichtbare Hand so versagt, dass der Staat eingreifen und gegenlenken muss, um eine schlimmere Katastrophe zu verhindern. Bestes Beispiel ist die Monopolbildung in einem bestimmten Bereich!

Denkfehler

Die Theorie der unsichtbaren Hand weist einen Denkfehler auf: von der Wirtschaft werden immer nur die belohnt und bezahlt, die der Wirtschaft den größten Nutzen bringen und am meisten produzieren bzw. verkaufen. Das bedeutet ganz einfach, dass es eine ungerechte Verteilung des ökonomischen Wohlstands gibt – die gab es auch zu Zeiten von Smith schon, man denke nur an den reichen Adel und die bettelarme Unterschicht – und die unsichtbare Hand damit nicht einwandfrei funktioniert.


[1] Smith, Adam [1993]: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, hrsg. U. übers. Von Horst Claus Recktenwald, dtv, München, S. 363 – 371 und S.582f

[2] Smith, Adam [1993]: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, hrsg. U. übers. Von Horst Claus Recktenwald, dtv, München, S. 363 – 371 und S.582f

[3] Dialog  SoWi 2, hrsg. v. Edwin Stiller, Schöningh Verlag und C.C.Buchner, 2007, S. 27

Veröffentlicht unter Wirtschaft & Recht | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 1 Kommentar

Die „Neue Frau“

„Wo wir aber auftauchen, kurzröckig, kurzhaarig und schlankbeinig, fuhren die Männer der älteren Generation zusammen und fragten: ‚Was sind das für Geschöpfe?‘ Wir antworteten: ‚Die neue Frau.‘“ (Aus: Gabriele Tergit: Die Frauen Tribüne, 1933)

In der Zeit der Neuen Sachlichkeit veränderte sich nicht nur die Literatur, die Kunst, die Musik und das Theater, sondern auf die Frau und mit ihr das Frauenbild. Besonders in den letzten Jahren der Neuen Sachlichkeit lässt sich eine Wandlung der Frau feststellen – es entstand die „Neue Frau“.

Die „Neue Frau“ – Revolution des Äußerlichen

 

Heinrich Mann, Bruder von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, schrieb in Sieben Jahre. Chronik der Gedanken und Vorgänge von der Veränderung der Frau und spricht von den „kurzen Röcken“, die hübsch und praktisch seien, und von den „kurzen Haaren“, die sich besser zum Tanzen und Sport treiben passten, wie auch zum Arbeiten in der Fabrik. Generell sprach er davon, dass die Figur der Dame knabenhaft geworden sei, wie das linke Bild oben zeigt. Sowohl der Anzug, wie auch die Haare zeigen eine Veränderung des Äußeren der Frau und auch die Zigarette zeigt, dass sich Frauen immer mehr in Richtung Mann entwickelten.

„I want to be happy“[1]

Ja, das wollten die Frauen, sie wollten happy sein und nicht mehr von den Männern abhängig. Und genau darin lag die hauptsächliche Veränderung der Frau und des Frauenbilds: sie wurden selbstbewusster. Frauen waren stolz darauf, so zu sein, wie sie waren und machten da keinen Hehl raus: „Hat man’s nicht zu was gebracht? Man wird es noch weiter bringen.“[2] Sie waren stolz, sich so entwickelt zu haben und wollten sich noch weiter entwickeln.

Frauen bekam immer mehr Rechte zuerkannt, wie beispielsweise das Recht auf Scheidung, durften auch Hochschulen besuchen und nutzen dieses Recht auf Bildung auch aus und schließlich gingen sie auch arbeiten, um ihre Träume zu verwirklichen und nicht mehr von den Männern abhängig zu sein. Sie gaben meist und immer öfter ihre Rolle als Mutter und Hausfrau auf. Sie nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand.

Die Reaktionen auf die Wandlung der Frau

Natürlich reagierte man auf die Veränderungen der Frauen. Wie das Zitat ganz oben schon zeigt, waren einige Männer, besonders die der älteren Generationen, überfordert, denn für sie war so etwas völlig fremd: Frauen, die männliche Züge hatten. Und auch die Großmütter reagierten warnend und hoben den Finger.[3]

Sport, Theater und Literatur unterstützten hingegen die Frauen in ihren Forderungen, standen dem Wechsel des Frauenbildes sehr positiv gegenüber und schlugen daraus natürlich Profit; gerade Theater und Literatur nahmen die „Neuen Frauen“ in ihr Programm auf und setzten es um, was sich besonders in Irmgard Keuns Werken Gilgi – eine von uns und Das kunstseidene Mädchen erkennen lässt.


[1] Aus: Irmgard Keun: Gilgi – eine von uns. Roman. München: dtv 1989 (Neuveröffentlichung; Erstveröffentlichung 1931)

[2] Aus: Irmgard Keun: Gilgi – eine von uns. Roman. München: dtv 1989 (Neuveröffentlichung; Erstveröffentlichung 1931)

[3] Aus: Irmgard Keun: Gilgi – eine von uns. Roman. München: dtv 1989 (Neuveröffentlichung; Erstveröffentlichung 1931)

Veröffentlicht unter Deutsch | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die Neue Sachlichkeit

„Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres in der Welt gibt es, als die Zeit in der man lebt.“ (Vorwort aus: Der rasende Reporter von Egon Erwin Kisch)

Wohl kaum ein Zitat eignet sich besser als Leitspruch der Neuen Sachlichkeit, als dieses von Egon Erwin Kisch, der mit diesen Sätzen im Vorwort seines rasenden Reporters erklärte, warum er ganz im Stile der Neuen Sachlichkeit (circa von 1920 bis 1930) schrieb, die als eine der Strömungen der Weimarer Republik galt und das Gegenstück zum Expressionismus war.

Literarische Merkmale

Prosatexte der Neuen Sachlichkeit lassen sich anhand einiger Merkmale von denen anderer Strömungen abgrenzen, wobei es drei Hauptmerkmale gab, die in jedem Prosatext wiederzufinden waren: Antihistorismus, Antipsychologismus und soziale Typen. Die Autoren der Neuen Sachlichkeit benutzten eben diese Merkmale, um ihre Wirkungsabsicht, nämlich eine Gesellschaftsanalyse vorzulegen und die Realität abzubilden, zu erzielen.

Unter dem Antihistorismus verstanden die damaligen Autoren, einen aktualitätsbezogenen Text zu verfassen, der frei von historischen Erzählungen, Vertiefungen und Exkursionen war. Gerade dieser Punkt brachte die Autoren ein Stück näher an ihre Wirkungsabsicht heran, eine Gesellschaftsanalyse vorzulegen, denn wie wäre es möglich gewesen, die aktuell bestehende Gesellschaft zu analysieren, wenn der Erzähler von irgendwelchen vergangenen Kriegen berichtet?

Mit dem Antipsychologismus wollten sich die Autoren der Neuen Sachlichkeit von denen des Expressionismus abgrenzen, die besonderen Wert darauf legten, „Innerlichkeiten“  wie Gefühle und Gedanken darzustellen. Die Autoren der Neuen Sachlichkeit hingegen hielten dies für ein weniger effektive Methode, weil sie einfach der bestehenden Realität widersprach: kein Mensch konnte damals die Gefühle und Gedanken des ihm gegenüber lesen. Und aufgrund dieser Tatsache, entscheiden sich die Autoren der Neuen Sachlichkeit für den Antipsychologismus und stellten weder Gefühle noch Gedanken der Figuren in den Texten dar – Schlüsse auf Gefühle und Gedanken mussten aus den Handlungen erschlossen werden.

Weiterhin wollten die Autoren der Neuen Sachlichkeit keine Individuen in den Mittelpunkt ihrer Texte setzen, sondern soziale Typen darstellen. Es ging ihnen, und das muss man im Zusammenhang mit ihrer Wirkungsabsicht betrachten, darum, die sozialen Missstände und Realitäten aufzuzeigen. Als Mittel zum Zweck wählten sich natürlich einzelne Individuen aus, jedoch solche, die eindeutig einer Schicht, meistens der unteren, zuzuordnen war.

Darüber hinaus gab es natürlich noch zahlreiche andere Merkmale: dem Leser ist keine Vorgeschichte bekannt und weiß nichts über den Werdegang, nach dem Ende des Textes; meistens waren es Angestelltenromane, die das miese Leben der Armen darstellen wollten; die Erzählweise war überwiegend journalistisch gestaltet (in Verbindung mit dem Antipsychologismus erklärbar).

„Kleiner Mann – was nun?“ – Hans Fallada und die Neue Sachlichkeit

Hans Fallada, der zu den Vertretern der Neuen Sachlichkeit zählte, erzählt in „Kleiner Mann – was nun?“ die Geschichte des Angestellten Buchhalters Johannes Pinneberg, der sich in die Verkäuferin Emma „Lämmchen“ Mörschel verliebte und diese heiratet, weil sie gemeinsam ein Kind erwarten. Die Weltwirtschaftskrise wütet und das auch in Deutschland, sodass Pinneberg entlassen wird und sich einen neuen Job suchen muss. Und als ob das noch nicht genügt, kriselt es in der Liebe und sie drohen, ohne Dach über dem Kopf dazustehen. Schließlich finden sie jedoch einen Weg zurück ins Leben und ihre alte Liebe.

Betrachtet man „Kleiner Mann – was nun?“ genauer, lassen sich viele Merkmale mit den oben beschriebenen Merkmalen der Neuen Sachlichkeit finden. Beginnend mit dem Antihistorismus und der Darstellung von sozialen Typen über den Antipsychologismus und die fehlende Vorgeschichte bis zum journalistischen Schreibstil. Darüber hinaus gelingt es Fallada, eine Gesellschaftsanalyse vorzulegen und über die Missstände in den einzelnen sozialen Schichten aufmerksam zu machen.

Ausnahme bildet jedoch das Ende des Romans. Beim Lesen der letzten vier bis fünf Seiten fällt auf, dass sich Fallada plötzlich und ohne jede Vorwarnung von dem Antipsychologismus abwendet und beginnt, von Gefühlen und Gedanken, Ängsten und Hoffnungen zu erzählen. Einige Literaturwissenschaftler werfen Fallada sogar vor, sich nicht nur dem Antipsychologismus abgewendet zu haben, sondern ebenfalls literarischen Kitsch produziert zu haben.

Veröffentlicht unter Deutsch | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Domitian

Domitian heißt mit vollem Namen Titus Flavius Domitianus und wurde am 24. Oktober 51 n. Chr. in Rom geboren. Er gehörte dem Herrschergeschlecht der Flavier an. Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt; Sueton schreibt, dass er sie unter erbärmlichsten Umstanden verbracht haben soll. Als sein Vater Vespasian im Vierkaiserjahr 69 n. Chr. zum Kaiser ausgerufen wurde, konnte Domitian , im Gegensatz zu seinem Onkel Titus Flavius Sabinus der Verfolgung durch die Anhänger des Vitellius entkommen und hatte nach dem Sieg der Flavier eine gesicherte politische Rolle in Rom.

Als sein Vater Titus Flavius Vespasianus eines natürlichen Todes starb, wurde dessen erster Sohn Titus römischer Kaiser.

Laut einigen antiken Quellen wird es für möglich gehalten, dass Domitian den Tod seines Bruders Titus am 13. September 81 n. Chr. herbeigeführt hatte, doch erlauben die recht widersprüchlichen Überlieferungen  keine eindeutige Beurteilung. Domitian trat die Nachfolge als Kaiser an und erwies sich zumindest am Anfang seiner Regierungszeit als fähiger Regierungschef. Er bekämpfte energisch die Korruption und brachte die Staatsfinanzen wieder in Ordnung.

Unter den zahlreichen von Domitian verwirklichten Bauvorhaben sind besonders das monumentale Stadion auf dem Marsfeld, der Titusbogen, das Forum Transitorium und sein überlebensgroßes Reiterstandbild (Equus Domitiani) auf dem Forum Romanum anzuführen.

Den Senat brachte er offenbar recht schnell gegen sich auf, weil er ihn kaum noch zu Rate zog und sich als dominus et deus (auf Deutsch „Herr und Gott“) anreden ließ. Auch Domitian richtete ein concilium principis ein, eine Art Kronrat. Ähnlich wie vor ihm Caligula und nach ihm Commodus brach Domitian die Spielregeln des Prinzipats, denen zufolge der Kaiser zwar faktisch alle Macht in Händen hielt, nach außen aber die Rolle von Volk und Senat in Ehren zu halten hatte. 85 n. Chr. übernahm er schließlich noch das Amt des Zensors auf Lebenszeit und damit das Recht, Senatoren zu ernennen und zu entlassen. Als letzter Kaiser führte Domitian den Titel eines censor perpetuus.

Allerdings nahm Domitian für sich nicht in Anspruch, selbst ein Gott zu sein, und er forderte für sich selbst auch keine göttliche Verehrung, vielmehr sah er sich unter göttlichem Schutz stehend.

Aktivitäten in Germanien

Unter Domitian begann die Phase einer erneuten (begrenzten) römischen Expansion rechts des Rheins im Bereich der obergermanischen Stämme. Unter dem Vorwand, einen Zensus in Gallien abhalten zu wollen, zog Domitian, dem es an militärischem Ruhm noch  mangelte, im Jahre 83 n. Chr. an den Rhein und begann gleich im Frühjahr einen Krieg gegen die Chatten. Es ging vermutlich um eine Schwächung der Chatten als letzten größeren Unruhestifter in Rheinnähe. Möglicherweise stieß Domitian bis ins Kernland dieses Stammes vor, also weit ins heutige Hessen hinein. Im Herbst wurde der Kriegszug in Germanien gegen die Chatten zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht. Dabei gelang die Unterwerfung des Gebiets zwischen Taunus, Lahn und Main.

Domitian begann schließlich mit der Errichtung des Limes, des römischen Grenzwalles zwischen Rhein und Donau. Außerdem nahm Domitian den Siegerbeinamen Germanicus an. Dies war das erste Mal, dass ein Prinzeps diesen nicht vererbt bekommen hatte, sondern durch eigene militärische Leistungen für sich beanspruchten konnte. Am Ende des Jahrs 83 n. Chr. feierte er den Triumph in Rom und bekam weitere Ehrungen durch den Senat verliehen. Hierzu zählen vor allem, vor dem Senat im Triumphgewand erscheinen zu dürfen und von 24 Liktoren begleitet zu werden.

Nach einem erneuten Chattenkrieg im Jahre 85 n. Chr. gelang es Domitian durch die Taunuskastelle die Bereiche des ober- und niedergermanischen Stammes mit großem Aufwand in zwei regelrechte Provinzen umzuwandeln und damit den endgültigen Verzicht auf eine wirkliche Eroberung ganz Germaniens zu verschleiern. Dieser Chattenkrieg stellt für längere Zeit die letzte große militärische Machtdemonstration im rechtsrheinischen Germanien dar. Die Grenze zum freien Germanien blieb fast hundert Jahre lang weitgehend friedlich. Wenig spricht dafür, dass Domitian seine Ziele in diesem Raum nicht erreicht hat.

Domitian erklärte das Germanenproblem durch die offizielle Gründung der beiden Provinzen Germania Superior („Obergermanien“) und Germania Inferior („Niedergermanien“) für beendet.

Seine Taktik war, nur dann Kriege zu führen, wenn sie unabwendbar waren, ansonsten aber die Grenzsicherung zu verstärken. Domitian wollte damit offenbar auch mit den militärischen Erfolgen seines Vaters und seines Bruders gleichziehen.

Sonstige militärische Leistungen

In Britannien gelang es Domitian mit Hilfe des Statthalters Gnaeus Iulius Agricola, den römischen Machtbereich bis nach Schottland auszudehnen und somit erheblich auszuweiten. Bevor Agricola die Insel jedoch ganz erobern konnte, wurde er von Domitian nach Rom zurückberufen.

Tod

In den letzten drei Jahren seiner Regierungszeit wurde Domitian zunehmend misstrauisch und fürchtete ständig Verschwörungen gegen sich. Auslöser dafür dürften tatsächliche Umsturzpläne gewesen sein; der erste wurde bereits 87 n. Chr. aufgedeckt.

In jedem Fall scheint die Furcht des Kaisers vor Verschwörungen die Zahl seiner Feinde nur noch weiter erhöht zu haben. Auch vor seiner eigenen Familie hatte Domitian – vielleicht mit gutem Grund – Angst.

Den Mann seiner Nichte Julia ließ er ebenso hinrichten wie seinen Vetter Clemens. Er soll sogar die Ermordung seiner Frau Domitia Longina geplant haben; sie verbündete sich aber mit mehreren Vertrauten Domitians, die ebenfalls um ihr eigenes Leben fürchteten.

Domitian fiel schließlich am 18. September 96 n. Chr. in Rom einem Anschlag, ausgeführt von Höflingen und Gladiatoren, zum Opfer. Sein Nachfolger wurde der Senator Nerva, dessen Position aber gefährdet war, da Armee und Volk Domitian sehr mochte und ein Nachfolger erst einmal dieses Vertrauen gewinnen musste. Seine vollständige Anrede zum Zeitpunkt seines Todes lautete:

Imperator Caesar Domitianus Augustus Germanicus, Pontifex maximus, Tribuniciae potestatis XVI, Imperator XXIII, Consul XVII, Pater patriae.

Die Dynastie der Flavier endete mit ihm.

Veröffentlicht unter Geschichte, Latein | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Ursachen der Evolution bei Darwin

Charles Darwin hatte, laut dem US-amerikanischen Philosophen Daniel Dennett, mit der Evolutionstheorie die beste Einzelidee der Geschichte. Der 1809 geborene britische Naturforscher, Kind einer Ärztefamilie, begann ein Medizinstudium, erkannte sein Interesse an den Naturwissenschaften, wechselte zum Theologiestudium, reiste mit einem Forschungsschiff um die ganze Welt und hatte eine Idee, die die Welt verändern sollte.

Darwins Evolutionstheorie

Darwin, der zeit seines Lebens einen unheimlichen Sammelzwang hatte, kam, angetrieben durch die Funde während seiner Weltreise, auf die Idee, dass sich Lebewesen durch Variation und natürliche Zuchtwahl an ihre Umwelt anpassen. Im Volksmund wird hier von „survival of the fittest“ gesprochen, was nichts anderes als „Überleben des am besten Angepassten“ bedeutet.

In seiner Theorie beginnt Darwin mit den individuellen Verschiedenheiten, in der Biologie mittlerweile als Variation beschrieben, die innerhalb einer Generation auftreten und vererbt werden. Damit schließt er diesen Gedanken direkt an den nächsten an, nämlich an den, dass nur die am besten Angepassten weiterleben, die ihre Anpassungen und individuellen Verschiedenheiten an ihre Nachkommen weitervererbt haben.

Doch Darwin verwendet neben der natürlichen Zuchtwahl noch die sexuelle Zuchtwahl, mit der er nichts anderes als die Auswahl des Geschlechtspartners meint und sagt: „Diese Form der Zuchtwahl hängt nicht von einem Kampfe ums Dasein […] ab, sondern von einem Kampfe zwischen den Individuen des einen Geschlechts […] um den Besitz des andern Geschlechts.“[1] Das Resultat sei „eine spärlichere oder ganz ausfallende Nachkommenschaft des erfolglosen Konkurrenten.“[2]

Synthetische Evolutionstheorie: Beweise oder sterbe

Durch den Fortschritt der Wissenschaften konnte Darwins Evolutionstheorie mittlerweile verifiziert und sogar erweitert werden. In der modernen Biologie wird die Synthetische Evolutionstheorie als Standardmodell der Evolution gesehen und ständig erweitert.

Diese Evolutionstheorie beruht auf Darwins Theorie und Werk Die Entstehung der Arten und enthält alle der drei oben aufgeführten Aspekte: die Variation, die natürliche Zuchtwahl und die sexuelle Zuchtwahl, wobei letztere beiden auch als Selektion bezeichnet werden. Natürliche und sexuelle Zuchtwahl wurden durch die künstliche Zuchtwahl/Selektion erweitert, die eine vom Mensch gesteuerte Zuchtwahl ist und die Fortpflanzungserfolge der Individuen steigert.

Bekannte Anhänger und Wegbereiter der Synthetischen Evolutionstheorie waren der Zoologe und Genetiker Theodosius Dobzhansky, der Mathematiker Ronald Fisher, die Biochemiker und Genetiker J.B.S. Haldane, der Genetiker Julian Huxley, der Zoologe und Biogeograf Ernst Mayr, der Paläontologe George Simpson und der theoretische Biologe Sewall Wright.


[1] Darwin, Die Entstehung der Arten (Zitat der neuen Rechtschreibung angepasst!)

[2] Darwin, Die Entstehung der Arten (Zitat der neuen Rechtschreibung angepasst!)

Veröffentlicht unter Biologie | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Mithras-Kult

Die Ursprünge des Kultes für den Gott Mitra liegen im iranisch-persischen Kulturraum. Die Verehrung des Gottes Mitra gibt es wahrscheinlich schon seit Urzeiten, Nachweise existieren erst um ca. 1380 v.Chr.

Das Wort „mitra“ (altiranisch/altindisch) bedeutet Vertrag, Bund, Treue. Daraus schließt man, dass Mitra ein Gott des Vertrags, der Ehre und der Tugend war. Diese Bedeutung stammt aus der frühesten Zeit der Verehrung des Mitra.

Im Laufe der Zeit wurde Mitra zu einer allwissenden, alles sehenden Gottheit ausgestaltet und als solcher mit dem himmlischen Licht gleichgesetzt; Mitra wird daraufhin zu einer Lichtgottheit.

Mitra hatte in der Frühzeit noch eine relativ untergeordnete Stellung innerhalb des Pantheons. Als sich aber um 1000 v.Chr. die Trennung von indischem und iranischem Kulturraum vollzog, gewann Mithra an Bedeutung.

Nun begann ein weiterer Merkmal des Mithra sich auszuprägen: Man legte mehr Wert auf das Element des Kämpfens gegen das Böse und so nahmen ihn die Soldaten für sich in Anspruch, ebenso taten es auch die Herrscher. Mithra, der vor Schlachten angerufen wurde, wurde zu deren Beschützer im Kampf.

Verbreitung des Mithras-Kultes

Kleinasien wird zum Ausgangspunkt der weiteren Verbreitung der Mithra-Religion und zum neuen Zentrum der Verehrung für Mithra. Ab dem 4. Jh. v.Chr. lassen sich erste Ansätze einer Hellenisierung der Mithras-Religion in Kleinasien feststellen.

In dieser Zeit müssen sich in Kleinasien die Mysterien herausgebildet haben, in deren Mittelpunkt Mithras als kosmische Schöpfer- und Heilsgottheit steht. Neben diesen Eigenschaften bleibt er jedoch weiterhin der Wahrer der Verträge und der Schutzgott der Soldaten. Eine solche Anpassung an westliche Vorstellungen war die Grundsteinlegung für die Übernahme der mithrischen Religion durch die griechisch-römische Welt.

Nach Plutarch sind die Mithras-Mysterien im 1. Jh. v.Chr. durch Seeräuber nach Rom gebracht worden. In neuerer Zeit nimmt man an, dass sie erst im 1. Jh. n.Chr. durch Sklaven, Händler und v.a. Soldaten Eingang in das Römische Reich, d.h. zunächst in das italische Kerngebiet, gefunden haben.

Die Soldaten spielen bei der Verbreitung der Mithras-Mysterien eine wichtige Rolle. Sie verehren, wie schon in der Frühzeit des Kultus, Mithras als unbesiegbare Gottheit, die Tapferkeit und Edelmut verkörpert.

Die Tatsache, dass Soldaten in allen Teilen des Römischen Reiches stationiert waren und die einzelnen Legionen oder Teile der Legionen häufig den Standort wechselten, machte eine schnelle Ausbreitung in allen Teilen des Römischen Reiches möglich. Mithräen, die unterirdischen Heiligtümer des Mithras-Kultes, hat man besonders in Germanien, entlang der Donau und Gallien gefunden, also vorwiegend in den Grenzregionen des Imperium Romanum.

Ebenso wie die Soldaten, so waren auch Sklaven und Händler in allen Teilen des Reiches zu finden, wobei gerade in der Zeit vom 1. Jh. v.Chr. bis zum 1. Jh. n.Chr. zahlreiche Sklaven aus den gerade unterworfenen vorderasiatischen Gebieten, also aus denjenigen, die das Kerngebiet der Mithras-Verehrung darstellen, nach Westen transportiert wurden.

Bis zum Ende des 2. Jh.s n.Chr. gab es keine offizielle Bekanntmachung des Staates zum Mithras-Kult. Erst Kaiser Commodus unterstützte den Mithras-Kult. Er war der erste römische Kaiser, der sich in die Mysterien des Mithras einweihen ließ. Offenbar verstand er sich als Inkarnation des Mithras.

Die Tatsache, dass Mithras nun Zugang zu den höchsten Kreisen des Staates gewonnen hatte, verhalf dem Mithras-Kult zu noch mehr Einfluss. Die folgenden Kaiser arrangierten sich mehr und mehr mit dem Mithras-Kult und nutzten ihn für ihre Zwecke. Die Blütezeit des Mithras-Kultes liegt im 2. und 3. Jh. n.Chr.

Niedergang des Mithras-Kultes

In der Folgezeit wurde mit dem Verlust einiger Provinzen auch der Glaube an die Unbesiegbarkeit des Mithras gemindert. Ein besonders gravierender Rückschlag aber war der Sieg Constantins über das Heer des Licinius, das unter dem mithrischen Sonnenkreuz kämpfte. Währenddessen konnte sich das Christentum fast ungehindert weiter ausbreiten.

Mit der Herrschaft des Kaisers Theodosius war der Mithras-Kult endgültig dem Untergang geweiht. Das Christentum wurde zur Staatsreligion erhoben und alle anderen Kulte verboten. Durch dieses Verbot und die Tatsache, dass sich die Mithras-Gemeinden nun gewaltsamen, zum Teil grausamen Verfolgungen durch die Christen ausgesetzt sahen, konnten die Zeremonien des Mithras-Kultes von nun an nur noch versteckt und im Geheimen praktiziert werden. Auf diese Weise hielten sich vereinzelt noch Kultgemeinden in allen Teilen des Reiches bis ins 6. Jh. n.Chr. hinein.

Ein wesentlicher Grund dafür, dass sich der Mithras-Kult nicht durchgesetzt hat, ist die Tatsache, dass er nicht überregional organisiert war; es gab unter den einzelnen Kultgemeinden kaum Austausch und keine übergeordnete Instanz, so dass die Mithras-Gemeinden doch isolierte Phänomene darstellten.

Ein erheblicher Nachteil im Vergleich zum Christentum war ebenfalls, dass der Mithras-Kult nur Männern zugänglich war, Frauen jedoch versperrt blieb.

Mithras-Mysterien – Inhalt des Kultes

Über die genauen Zeremonien der Kultfeiern und die eigentlichen Inhalte des Mithras-Kultes ist nur wenig bekannt, da die Glaubensinhalte geheim waren und aus diesem Grunde vielleicht niemals schriftlich festgehalten worden sind.

Die einzigen gesicherten Zeugnisse für den Mithras-Kult sind wüste Beschimpfungen, aus denen man nur ein sehr bruchstückhaftes und negativ gefärbtes Bild erhalten kann. Aber besonders die sogenannten Mithräen, unterirdische höhlenartige Tempel, in denen die Anhänger des Mithras-Kultes sich trafen und ihre Kultzeremonien feierten. Viele dieser Mithräen sind gerade deswegen, weil sie unterirdisch angelegt worden sind, gut erhalten.

Ein Mithräum ist ein länglicher Raum mit gewölbter Decke. Vermutlich handelt es sich bei dieser Wölbung um ein Symbol des Himmels. An zentraler Stelle im Mithräum war ein Kultbild aufgestellt, das hauptsächlich zeigt, wie Mithras einen Stier tötet.

Ausgestaltung der Mithras-Mysterien

Welchen Inhalt auch immer der Mithras-Kultes gehabt haben mag, wissen wir doch um die Ausgestaltung des Kultgeschehens umso mehr.

Um an dem Wohl teilhaben zu können, muss man in den engeren Kreis des Mithras-Kultes aufgenommen werden. Die Aufnahmezeremonie wird Initiation genannt. Bevor sie jedoch stattfindet, muss der Initiand einen längeren Unterricht in der mithrischen Lehre absolvieren.

Erst danach kann die Initiation vollzogen werden. Dies geschah einerseits durch eine Taufe, die nach einiger Zeit durch eine Art „Konfirmation“ bekräftigt werden muss und andererseits durch körperliche Proben, die sehr hart gewesen sind, über die aber nichts Genaues bekannt ist.

Nach dieser Initiation konnte man sieben Weihestufen durchlaufen, wobei jeder Stufe eine Figur auf dem Kultbild entspricht:

  1. Die unterste Stufe hieß Corax (auf dt. Rabe) und symbolisierte den Raben auf dem Umhang des Mithras.
  2. Die nächste Stufe hieß Nymphus (auf dt. Verlobter) und wurde mit der Schlange assoziiert.
  3. Danach kam der Miles (auf dt. Soldat), der den Skorpion verkörperte.
  4. Die nächsthöhere Weihestufe war Leo (auf dt. Löwe), der sich auf dem Kultbild als Hund wiederfand.
  5. Die fünfte Weihestufe war Perses (auf dt. Perser), der dem Cautopates auf dem Kultbild entspricht.
  6. Die zweithöchste Stufe war der Heliodromus (auf dt. Sonnenläufer), dargestellt durch Cautes.
  7. Und die höchste Weihestufe schließlich war der Pater (auf dt. Vater), der den Mithras verkörperte.

Der Großteil der Gläubigen jedoch nahm die unteren Stufen ein. Der Pater als oberster Priester einer jeweiligen Gemeinschaft und gleichzeitig Stellvertreter des Mithras hatte die Leitung einer jeweiligen Mithras-Gemeinde inne. Die verschiedenen Weihestufen entsprechen dem Aufstieg der Seele zum Göttlichen.

Innerhalb des Kultes wurde von den Anhängern eine streng ethische Lebensführung erwartet, die den Einzelnen dazu bewegen sollten, in der Nachfolge des Mithras das Gute zu tun. Durch die gemeinsame Aufgabe des guten Handelns und der Hingabe innerhalb des Kultes entstand unter den Anhängern des Mithras-Kultes ein enges Gemeinschaftsgefühl, das durch die Enge des Kultraumes noch unterstützt wurde.

Dadurch konnte sich der Gläubige sich Hoffnungen auf ein Weiterleben nach dem Tod im Himmel machen.

 

Veröffentlicht unter Geschichte, Latein | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Ursachen der Evolution bei Lamarck

Jean-Baptiste Lamarck war französischer Botaniker, Zoologe, Begründer der modernen Wirbellosenzoologie und legte als erster Biologe eine ausformulierte Evolutionstheorie vor, die jedoch, wie wir heute wissen, nur teils zutrifft. Lamarcks Evolutionstheorie lässt sich in einen Haupt- und einen Nebengedanken gliedern; der Hauptgedanke ist nicht zutreffend, wohingegen der Nebengedanke seit dem späten 19. Jahrhundert als Lamarckismus in der Biologie anerkannt wird.

Der Hauptgedanke: Wachsen oder nicht wachsen, das ist hier die Frage

Lamarcks Hauptgedanke ist ziemlich einfach zu verstehen, hat jedoch etwas sehr Metaphysisches an sich. Der Franzose behauptete, dass ein inneres Gefühl die Fluida bei der Nutzung eines beliebigen Körperteiles in das jeweilige Körperteil lenken würde und es damit zur Weiterentwicklung dieses Körperteils kommen würde. Als Beispiel nimmt er kämpfende Wiederkäuer: „Bei ihren Wutausbrüchen […] lenkt ihr inneres Gefühl durch seine Anstrengungen die Fluida stärker auf diesen Teil des Kopfes hin [Anm. d. Autors: die Tiere stoßen bei den Wutausbrüchen mit den Köpfen gegeneinander], und es erfolgt hier bei den einen eine Absonderung von Hornsubstanz, bei den anderen eine Abscheidung von Knochensubstanz vermischt mit Hornsubstanz, wodurch feste Fortsätze [= Hörner] gebildet werden […].“[1]

Vereinfacht ausgedrückt heißt es also, dass durch das Zusammenstoßen der Köpfe der Geist eines Tieres Hörer ausbilden will und dadurch Hörner gebildet werden. Nicht nur, dass die Idee eines inneren Gefühls und einer Fluida wissenschaftlich betrachtet humbug ist, nein, auch hat die Theorie einen Fehler.

Geht man davon aus, dass Lamarck richtig lag, wäre der Gegenschluss, dass wenig gebrauchte Körperteile sich zurückbilden. Das würde bedeuten, dass Giraffen im Zoo, deren Nahrung meistens auf dem Boden liegt, mit der Zeit ihren langen Hals zurückbilden würden, weil sie diesen einfach nicht mehr gebrauchen. Lamarcks Hauptgedanke ist also falsch und diese Tatsache lässt sich durch einen Zoobesuch beweisen.

Der Nebengedanke: Vielleicht brauchen die nach mir es auch einmal

In seiner Zoologischen Philosophie stellt Lamarck jedoch einen Nebengedanken vor, der heute, wie bereits oben erwähnt, zentraler Bestandteil der Biologie ist, und in jedem Lehrbuch wiederzufinden sein wird. Die Sprache ist vom Lamarckismus.

„Jede Veränderung eines Organs vererbt sich auf die Jungen, wenn sie beiden Individuen gemein war, die durch die Befruchtung zur Fortpflanzung ihrer Art beigetragen haben.“[2]
Lamarck, der damals rein gar nichts über die Mendel’schen Regeln wusste, weil diese in der Fachwelt einfach ignoriert und für falsch gehalten wurden, und auch keine Ahnung von den vier Basen oder dem Genom hatte, greift den Punkt der Vererbung auf, der absolut richtig ist.

Wie man heute gentechnisch beweisen kann, haben die meisten Veränderungen des Erscheinungsbildes (Phänotyps) auch Auswirkungen auf das Genom (Genotyp) oder andersherum. Solche Veränderungen werden in der Regel auch vererbt.

Lamarcks Evolutionstheorie in seiner Zeit

Lamarck fand anfangs großen Anklang und viel Zustimmung, auch wenn es sicherlich einige Gegenstimmen gab. Gerade die Tatsache, dass seine Zoologische Philosophie die erste ausformulierte Evolutionstheorie in der Biologie war, machte sie weltberühmt und damit auch noch zum Gegenstand im heutigen Biologieunterricht, obwohl der Hauptgedanke falsch ist und lediglich ein kleiner Nebenaspekt richtig ist.


[1] Lamarck, Zoologische Philosophie

[2] Lamarck, Zoologische Philosophie

Veröffentlicht unter Biologie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Orff

Carl Orff war Komponist, Theatermann, Humanist und Pädagoge. Er wurde am 10. Juli 1895 als Sohn einer alten bayerischen Offiziers- und Gelehrtenfamilie in München geboren. In Orffs Elternhaus wurde regelmäßig musiziert. Vater Heinrich, Offizier, spielte Klavier und diverse Streich­instrumente, seine Mutter war ausgebildete Pianistin, sie erkannte und förderte die musikalische Begabung von Carl Orff. Im Alter von fünf Jahren erhielt Orff die ersten Klavierstunden, zwei Jahre später folgte der Unterricht auf dem Violoncello. Konzert- und Theater­besuche fanden bereits 1903 statt.

Von 1905 bis 1907 besuchte er das Ludwigsgymnasium, dann wechselte er auf  das Wittelsbacher-Gymnasium ebenfalls in München. 1912 verließ er vorzeitig die Schule, um an der Akademie der Tonkunst in München Musik zu studieren.

1916 war Orff Kapellmeister an den Münchner Kammerspielen. 1917 leistete er Kriegsdienst an der Ostfront und kam als Verwundeter kurz darauf nach Deutschland zurück. Ein Jahr später übte er das Amt des Kapellmeisters in Mannheim und Darmstadt aus.

Carl Orff war viermal verheiratet, darunter von 1954 bis 1959 in dritter Ehe mit der Schriftstellerin und Pädagogin Luise Rinser. Er hatte eine Tochter aus erster Ehe, die Schauspielerin Godela Orff.

Die These „Musik beginne im Menschen“ bildet die Grundlange zu Carl Orffs musikpädagogischem Konzept, das zu ›Elementarem Musizieren‹ ermuntern möchte. Darin sind Sprache, Tanz und Musik gleichwertige Ausdrucksformen.

Auch andere Kunstformen, etwa das darstellende Spiel und die bildnerische Gestaltung können miteinbezogen werden.

Das Märchen »Die verspielte Tochter des Mythos« bot Orff eine nie versiegende Inspirationsquelle für seine Werke. Er verwendete das Märchen ›Der Mond‹ der Brüder Grimm als Vorlage für sein ›Kleines Welttheater‹. Auch der Oper ›Die Kluge‹ liegen Märchen zugrunde. Mehr noch als im ›Mond‹ ist in der ›Klugen‹ die Sprache von zentraler Bedeutung.
Der musikalische Stil ist von den drastisch-derben Sprüchen aus einer Sprichwort-Sammlung von 1850 inspiriert.

Heute ist immer noch umstritten, ob Carl Orff Verbindungen zum NS-Staat hatte. Nach dem heutigen Stand der Erkenntnisse wollte Orff eine Karriere in Deutschland machen und er hat sie gemacht. Er hat im nationalsozialistischen Deutschland gelebt und gearbeitet, er hat dieses System nicht befürwortetet, aber er hat auch nichts dagegen unternommen. Er war ein Mensch im NS-Staat wie viele andere auch, obwohl er für das Dritte Reich ein Werk für  die Olympischen Spiele von Berlin im Jahre 1936 komponiert hat.

1949 wurde Carl Orffs ›Antigone‹ zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Die Sprachgewalt von Friedrich Hölderlins Nachdichtung des Trauerspiels von Sophokles begeisterte den Musikdramatiker. Mit ›Antigone‹ schuf er ein völlig neuartiges Musiktheater. Diesen Stil setzte er auch stets in ›Ödipus‹ fort.

Mit seinem persönlichsten Werk, ›De Temporum Fine Comoedia‹, dem ›Spiel vom Ende der Zeiten‹, beendete Carl Orff sein Lebenswerk.

In den Jahren 1975-81 dokumentiert Carl Orff sein künstlerisches Werk in der achtbändigen Veröffentlichung ›Carl Orff und sein Werk‹.

Carl Orff erhielt zahlreiche Auszeichnungen: Ehrendoktor wurde er in München und Tübingen, das Große Verdienstkreuz der Bundes­republik Deutschland erhielt er 1972. 1974 wurde Orff mit dem Romano-Guardini-Preis ausgezeichnet.

Gestorben ist Carl Orff am 29. März 1982 in München. Er wurde in der Schmerzhaften Kapelle der Klosterkirche zu Andechs beigesetzt, was für einen Nichtadligen und Nichtgeistlichen eine außer­gewöhnliche Ehre ist. In Andechs finden jeden Sommer Aufführungen zu Ehren von Orff statt.

Veröffentlicht unter Musik | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Iphigenie und Woyzecks Marie – zwei Frauenbilder prallen aufeinander

Unterschiedlicher könnten Frauenbilder gar nicht sein! Auf der einen Seite steht Iphigenie, die pflichtbewusste und nach den Idealen der Klassik und des Humanismus handelnde Priesterin, und auf der anderen Seite steht Marie, die Geliebte von Woyzeck, die nur ein Ziel hat, nämlich materiellen Reichtum und um dieses Ziel zu erreichen, ist ihr jedes Mittel recht.

Wie bereits erläutert, stellt Goethe mit seiner Figur Iphigenie das ideale Frauenbild der Klassik vor, die pflichtbewusst handelt, nach den Idealen der Klassik und des Humanismus entscheidet und immer eine Harmonie zwischen Pflicht und Neigung aufweist. Bei Woyzecks Marie ist das jedoch ganz anders.

Marie – oder wie Büchner die Frau darstellte

Büchner entschied sich in seinem Woyzeck für ein eher negativ belastetes Frauenbild als Vorlage für Marie, der Freundin des Protagonisten Woyzeck. Das beginnt bereits in der zweiten Szene, ganz deutlich zu werden:

„MARIE […]: He Bub! Sa ra ra ra! Hörst? Da komme sie.
MARGRETH: Was ein Mann, wie ein Baum.
MARIE: Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw. (Tambourmajor grüßt.)
[…]
MARIE: Soldaten, das sind schöne Bursch…“[1]

Denn hier bewundert Marie, obwohl mit Woyzeck in einer festen Beziehung, die Soldaten und tanzt sogar später mit dem von ihr ungebetenen Tambourmajor. Vor allem aber bewundert sie die Besitztümer dieses Mannes, da sie selbst aus bettelarmen Verhältnissen stammt und Woyzeck ihr nicht das bieten kann, was sie will.

Büchner beschränkt seine Marie auf das reine Äußerliche und lässt sie auch nach diesen Äußerlichkeiten, wie Reichtum, handeln. Man könnte sogar soweit gehen und sagen, dass Marie neben dem Pauperismus auch den Materialismus – ebenso wie Woyzeck selbst, wenn auch nicht so stark – verkörpert.

Marie und Iphigenie in direktem Vergleich

Der Unterschied zwischen diesen beiden Damen wurde bereits in den ersten Passagen deutlich, dennoch sollen beide einmal direkt gegenüber gestellt werden:

Iphigenie:                                                                             Marie:
- nicht auf Besitztümer angewiesen                                    – gierig nach Reichtum und               – pflichtbewusst                                                                         Besitztümern
- Humanismus                                                                        – handelt nach Neigungen
- aufrichtig und ehrlich                                                          – Egoismus
- verlogen und betrügerisch

Mit Marie und Iphigenie prallen also zwei Frauenbilder aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. So lässt sich definitiv ein Wandel der Frauenbilder im Laufe der verschiedenen Epochen feststellen.


[1] Woyzeck, Georg Büchner, Neuveröffentlichung 2010, Schöningh Verlag

Veröffentlicht unter Deutsch | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar